ten vor einem halben Jahrhundert urbar gemacht haben, fahren die Jungen nun ihre eigenen Erfolge ein. Seit 2020 wurde der Klub vier Mal Meister, gewann zwei Mal das Double und spielt aktuell sehr ordentlich in der Champions League. Das Fundament für die landesweite Dominanz des Vereins aus der Kleinstadt am Polarkreis aber legten diese Veteranen, als sie am 26.Oktober 1975 den Pokal gewannen. Den ersten nationalen Titel eines nordnorwegischen Teams überhaupt.

Was bleibt von einem Triumph, wenn die Trophäe Staub ansetzt und jedes Bild veröffentlicht ist? Deshalb kommen sie hier täglich zusammen. Weil das Leben in dieser Gemeinschaft jeden ein wenig wachsen lässt. Und eine Laune der Sportgeschichte sie lebenslang zur Einheit verschweißt. Zu elf Freunden, ob sie wollen oder nicht. Insbesondere in Bodø, wo 1975 knapp 25 000 Menschen wohnten und heute 53 000. Wo man den Weg vom Flughafen zum Stadion oder in die Fußgängerzone locker zu Fuß bewältigen kann. Hier weiß jeder, wer die Männer sind, die eine neue Zeitrechnung im norwegischen Fußball einläuteten – und der gesamten Provinz Nordland zu einem veränderten Selbstbewusstsein verhalfen. Als das Zweitligateam von Bodø im Herbst 1975 im ausverkauften Osloer Ullevaal-Stadion das Pokalfinale mit 2:0 gegen Vard Haugesund gewinnt, sind Vorurteile in Norwegen noch weitverbreitet. Im wirtschaftlich prosperierenden Süden gelten die Bewohner der Region von Bodø bis zur Finnmark als hinterwäldlerische Fischfänger und Sumpfbewohner, deren harscher Dialekt kaum verständlich ist. Nach der massenhaften Anwerbung von Gastarbeitern aus Pakistan in den Siebzigern ist es üblich, dass Wohnungsangebote in den Zeitungen von Oslo, Stavanger oder Bergen oft mit dem Hinweis versehen sind: „Keine Pakistanis! Keine Nordländer!“ Wer sich aus dem wirtschaftlich schwachen Norden auf Jobsuche in den Süden macht, versucht in Vorstellungsgesprächen seinen Akzent zu kaschieren. Entsprechend abschätzig blickt auch der Fußballverband NFF auf die Klubs von da oben. Noch 1947 hat der NFF den Vereinen die Teilnahme am landesweiten Pokalwettbewerb untersagt. Begründung: Das spielerische Niveau entspreche nicht dem „der besseren Hälfte der NFF-Klubs“. Zudem müsse sich erst einmal die Kommunikation verbessern, um die Spielpläne des Südens mit den Wettbewerben im Norden zu harmonisieren.

Der Flugverkehr aus den Metropolen im Süden ist bis in die späten Sechziger spärlich. Eine Busfahrt zum Auswärtsspiel von Bodø nach Trondheim, der nördlichsten Großstadt im Süden, dauert zehn, bis nach Oslo fast 17 Stunden. Zudem sind Spiele im Nordland ab Herbst oft eine Qual, wenn der arktische Wind durch die Stadien pfeift, die Plätze von einer Eisschicht überzogen sind oder wegen des Dauerregens einem Matschacker gleichen.

Als 1951 diskutiert wird, den Gewinner des nordnorwegischen Cups für den nationalen Pokal zuzulassen, lehnen NFF-Funktionäre mit der Begründung ab, diese Entscheidung käme einer „Amputation des Wettbewerbs“ gleich. Erst 1963 wird der FK Bodø/Glimt erstmals zugelassen. Als das Team in der vierten Runde, dem dritten Auswärtsspiel in Folge, bei Frigg Oslo unglücklich mit 0:1 ausscheidet, sorgen die weitgereisten Anhänger auf den Tribünen für einen sinnstiftenden Augenblick: Während sich die unterlegenen Spieler von den Fans verabschieden, stimmen die Menschen das hymnische Traditional „Barndomsminne Fra Nordland“ („Kindheitserinnerungen an das Nordland“) an. Der Gesangsvortrag ist ein erstes höfliches Signal an das Osloer Publikum, dass Bodø angekommen ist im großen Fußball – und auch im Norden durchaus passabel gekickt wird.

Die Architekten des damaligen Erfolgs sind Spielertrainer Arvid Halvorsen und der junge Harald „Dutte“ Berg, die ein Vater-Sohn-Verhältnis verbindet und die im Tandem das attraktive Offensivspiel von Glimt (dt. „Lichtblitz“ oder „Schimmer“) organisieren. Beide sind getrieben, den FK Bodø/Glimt endlich fest auf der norwegischen Fußballlandkarte zu installieren. Halvorsen predigt die Werte, die bis heute stilprägend für den Verein sind, der mit seinem Minderwertigkeitskomplex hadert: Wir arbeiten hart. Jeder trägt Verantwortung. Fehler bringen uns weiter. Das Kollektiv steht über allem. Harald Berg wird diese Philosophie in die nächste Generation weitertragen. Die Eltern des Ausnahmetalents führen in Bodø ein Hotel, auch sein Bruder Knut spielt für Glimt, er liebt seine Heimat. Doch bald schon werben Osloer Klubs um ihn. Mit Lyn Oslo holt er in den späten Sechzigern zwei Mal das Double. Ab 1969 spielt Berg für fünf Jahre für ADO Den Haag. Dort trifft er auf Coach Václav Ježek, der 1976 die Tschechoslowakei zum EM-Titel führen wird. Der Slowake verleiht dem Norweger den letzten Schliff. Als Berg 1974 mit 31 Jahren nach Bodø zurückkehrt, weil sein Sohn Orjan in die Schule kommt, ist „Dutte“ längst eine Legende in der Stadt. Der erste Nordländer, der es als Fußballer zu internationalen Weihen gebracht hat. Bergs Heimkehr fällt mit der anderer verdienter Spieler zusammen. Der 29-jährige Angreifer Arne Hanssen hat für den Rosenborg BK in Trondheim gespielt, nun will er in Bodø ein Haus bauen und arbeitet in einer Bank. Terje Mørkved, der 1971 auch mit Trondheim die Meisterschaft geholt hat, ist auch wieder da. Verteidiger Truls Klausen stammt zwar aus dem Süden, hat in Oslo für Frigg und Valeranga gespielt, doch seine Ehefrau, die Sängerin Ann-Karin Bodøgaard, erbt das älteste Anwesen in der Stadt, die Villa Bodøgaard, die das Paar für die Familie ausbaut. Jacob Klette, Spross einer Optikerdynastie, hat sein Studium in London beendet und übernimmt den elterlichen Betrieb. Ambitionierte Amateure um die dreißig, die ihr Leben in neue Bahnen lenken, aber noch große Lust auf Fußball haben.

Seit 1972 steht die norwegische Liga auch Vereinen aus dem Norden offen. Zum Start lost der Verband als ersten Teilnehmer den FK Mjølner für die landesweite Spielklasse aus. Doch das Team aus Narvik bestätigt das Vorurteil von den leistungsschwachen Nordländern – und steigt sang- und klanglos ab. Bodø/Glimt hingegen erweist sich in der zweiten Division als schlagkräftige Truppe. Bereits 1974 erreicht das Team, nachdem es in der Nordliga ohne Niederlage Meister geworden ist, die Playoffs zur ersten Liga, scheitert dort aber knapp am Team aus Fredrikstad. Im Jahr darauf flutscht die Elf gänzlich ohne Punktverlust durch die Saison im Distrikt IX-X, unterliegt jedoch im komplizierten K.o.-Modus, der die Aufstiegschancen für die Regionalmeister auf ein Minimum begrenzt, in zwei Regenschlachten gegen Vard Haugesund. Dabei hat der Klub 1975 längst zur nationalen Elite aufgeschlossen. Die Pokalsaison gleich einem Triumphzug. Auf dem Weg ins Finale räumt die Elf in der dritten Runde den amtierenden Cupsieger Skeid aus dem Weg. Im Viertelfinale trifft der FK Bodø/Glimt im heimischen Aspmyra-Stadion auf Viking Stavanger. Die Arena mitten im Wohnviertel, an die hinter der Auswärtskurve direkt die Holzhäuser grenzen, ist für 8500 Zuschauer zugelassen. Gegen den Topklub aus Stavanger aber pilgern Schätzungen zufolge 15 000 Menschen in die Spielstätte an der Straßenecke Hålogalandsgata/Fridtjof Nansens Vei. Irgendwann öffnen die Ordner alle Tore, um der Massen Herr zu werden. Bis heute haben nie mehr so viele Menschen ein Fußballspiel in Bodø live verfolgt. Es ist das erste Mal, dass während eines Glimt-Matches pausenlos ein stimmgewaltiger Support von den Rängen durch das Stadion wogt. In Gedenken an die rührenden Szenen zwölf Jahre zuvor gegen Frigg haben sich Fans zusammengeschlossen, um mit Liedern ihren Beitrag zum Erfolg der Mannschaft beizutragen. Schließlich stehen da unten viele Männer auf dem Rasen, die sie aus dem Alltag kennen. Der FK gewinnt durch Tore von Hanssen und Klette mit 2:1, bei Ersterem erledigen sie ihre Bankgeschäfte, vom Letzterem stammt womöglich die Brille auf ihrer Nase.

Die Hierarchie in der Mannschaft ist flach. Die Kapitänsbinde wandert im Spielerkreis herum, auch wenn Harald Berg der unbestrittene Leitwolf ist. Zum Jahreswechsel hat das Team Oddbjørn Kristoffersen zum Spielertrainer auserkoren. Der schlaksige Innenverteidiger ist der Einzige im Kader, der einen Trainerschein besitzt. Gemeinsam mit Regisseur Berg und Angreifer Arne Hanssen bildet Kristoffersen die zentrale Achse, die die mit vielen jungen Spielern gespickte Elf organisiert und zusammenhält. Obwohl sämtliche Akteure berufstätig sind, sorgen die drei Routiniers dafür, dass die Mannschaft vier bis fünf Mal die Woche am Abend zu Trainingseinheiten zusammenkommt. „Dutte“ Berg führt ein Sportgeschäft in der Innenstadt, in dem es auch Tickets für Glimt-Spiele gibt. Und so zuverlässig er im Spiel agiert, so akkurat versieht er auch den Job am Verkaufstresen. Öfter kommt es vor, dass Leute bei ihm noch Eintrittskarten erwerben, ehe Berg hastig ins nahegelegene Aspmyra aufbricht, wo eine halbe Stunde später der Anpfiff ertönt.

Trotz des Kollektivgedankens hat das Dreigestirn den Mut, bei Disziplinlosigkeiten durchzugreifen. Sturia Solhaug erzielt im Halbfinale gegen Start aus Kristiansand den 1:0-Siegtreffer. Der verwegene Flügelspieler von den Lofoten ist ein Lebemann, der öfter mal ein Bier über den Durst trinkt. Beim Abschlusstraining vor dem Finale in Oslo steht Solhaug deshalb nicht in der A-Elf, was das Enfant Terrible mit Unverständnis quittiert. Fürs Endspiel haben die Spieler neue Trikots erhalten. Wütend pfeffert Solhaug das blitzsaubere Jersey noch in der Kabine in den Müll und zieht von dannen. Vier Tage bleibt der Angreifer verschollen, ehe sich ein Ehrenamtler des Vereins auf seine Spur begibt, Bars abklappert und private Anlaufpunkte. Irgendwann findet er Solhaug – reichlich übernächtigt – in der Wohnung einer Dame. Als der Glimt-Mitarbeiter ihm mitteilt, dass die Mannschaft auf ihn warte, folgt er widerspruchslos, holt sein Trikot aus dem Abfall und gesellt sich zu den Kollegen.

Im Pokalfinale wartet Vard Haugesund, dem das Team aus Bodø in der Qualifikation zur ersten Liga nur wenige Tage zuvor unterlegen war. Truls Klausen soll eigentlich Vards jungen Starstürmer Arne Larsen Økland ausschalten, der Jahre später zu Bayer 04 Leverkusen wechseln wird. Doch Klausen hat sich sieben Tage zuvor im Spiel gegen Odd das Bein gebrochen, die erste Verletzung in der Laufbahn des Verteidigers. Nun steht er mit Krücken an der Bank und muss tatenlos mitansehen, wie seine Kollegen sich mehr als eine Stunde mühen, ein Tor zu erzielen. Das Finale ist das erste Spiel eines Teams vom Polarkreis, das live und in Farbe im norwegischen Fernsehen übertragen wird. Die landesweite Aufmerksamkeit sorgt bei einigen im gelben Bodø-Jersey erkennbar für Nervosität. Nach der Pause keift Truls Klausen die Kollegen auf dem Feld an, doch nun endlich den verkaterten Sturia Solhaug einzuwechseln, der bekannt für seine Kaltschnäuzigkeit in engen Partien ist. Sein Ersatz, der 20-jährige Ove Andreassen, ein Eigengewächs des Klubs, ist der nervlichen Anspannung nicht gewachsen. Klausens schroffer Befehl zeigt Wirkung. Nur 13 Minuten nach der Einwechslung erzielt Solhaug das 1:0, kurz vor Spielende erhöht Routinier Arne Hanssen auf 2:0. Als die Spieler nach Abpfiff auf dem Rasen von TV-Reportern bestürmt werden, bemühen sich die meisten, akzentfrei zu sprechen. Die Sorge, in dieser historischen Stunde vor der ganzen Nation dem Klischee vom tumben Nordnorweger zu entsprechen, ist den Männern deutlich anzumerken.

Der Pokalsieg ist ein Wendepunkt. Das Osloer „Dagbladet“ kommentiert: „Bislang wurde Nordnorwegen als Region betrachtet, in der unbeholfener Fußball gespielt wird. Daher ist klar, wie überaus bedeutsam dieser Sieg ist.“ Der FK Bodø/ Glimt hat den Pokalerfolg mit einem offensiven 4-3-3-System erspielt. Aus einer massiven Deckung heraus fährt die Elf ihre Konter und lässt sich auch gegen große Gegner nie in der eigenen Hälfte einschnüren. Der Titel legt den Grundstein für ein neues Selbstverständnis in der Region. Der Pokalsieg hebt den arktischen Klub auf die landesweite Fußballlandkarte – und sorgt zugleich dafür, dass die Stadt und damit der gesamte Norden in neuem Licht erstrahlen. Als Kapitän Harald Berg auf der Ehrentribüne dem norwegischen Kronprinzen Harald die Hand schüttelt und den Pokal entgegennimmt, schwindet das Gefühl von Minderwertigkeit und sendet das Signal an alle Nordländer: Wir sind nicht schlechter als der Süden! Wir sind gut genug!

trond Tidemann, damals ein 20-jähriger Mittelfeldspieler, sagt: „Für den Verein, die Stadt und ganz Nordnorwegen war der Pokalsieg ein identitätsstiftendes Ereignis. Die Grundlage für ein neues Selbstbewusstsein.“ Im Europacup der Pokalsieger 1976 scheidet das Team unglücklich gegen die SSC Neape aus. Im selben Jahr gelingt der Elf vom Polarkreis endlich der Aufstieg in die erste Liga, wo der Klub direkt zur Vizemeisterschaft durchmarschiert – und erneut im Europacup antreten darf. Es reift die Erkenntnis in dem Verein, dass nachhaltiger Erfolg in dieser strukturschwachen Region nur möglich ist, wenn alle Räder ineinandergreifen, es funktioniert nur über Loyalität, Weiterentwicklung und Zusammenhalt. Dennoch ist der Klub vor Krisen nicht gefeit. Immer wieder steht der Verein über die Jahrzehnte kurz vor der Pleite. Dass es jedoch nie zum Äußersten kommt, ist nicht zuletzt ein Verdienst der Berg-Dynastie: Nach dem tiefen Fall in die dritte Liga in den achtziger Jahren gewinnt Glimt 1993 erneut den Pokal. Wieder mit 4-3-3, erneut unter der Leitung eines Spielertrainers, Trond Sollied. Der prägende Akteur dieser Ära ist Runar Berg, der zweite Sohn von Harald. Kapitän des aktuellen Bodø-Teams, das seit 2020 mit herzerfrischendem Offensivfußball vier Mal den norwegischen Titel geholt hat, ist Patrick Berg, Enkel von Harald und Sohn von dessen Erstgeborenem Orjan. Der in Fieldinterviews nach Partien inzwischen stolz im breiten Idiom des Nordländers antwortet. Für Opa Harald hat der Verein 2023 vor den Toren des Aspmyra-Stadions ein Denkmal errichtet. Es zeigt die vorpreschende Klublegende, gefolgt von einem Mädchen und einem Jungen in Trikot, der auffallend Patrick Berg ähnelt. Die Statuen symbolisieren, wie die Werte der Alten bei Glimt auf die Enkel übergehen und in die Zukunft getragen werden. Es bleibt irgendwie alles in der Familie. Hier in Bodø, wo jeder jeden kennt.

N a c h e i n e r Stunde löst sich die Veteranengruppe am Kaffeetisch in der VIP-Loge auf. Die Herren müssen weiter, Einkäufe erledigen oder zum Mittagessen. Was ist das Geheimnis dieser Verbindung, die schon so lange besteht? „Die Basis sind Freundschaft und Respekt. In guten und in schlechten Zeiten“, sagt Trond Tidemann. Schon morgen um elf Uhr sitzen sie wieder hier.